Hear her calendar system a year of thirteen months

↳ Bianca Baldi

BE 2025, 00:19:07

Videoinstallation


Ausgangspunkt von Hear her calendar system a year of thirteen months ist die Fotografie einer Maulbeerfeige (Ficus sycomorus), die Bianca Baldis Großvater 1939 in Ambo, westlich von Addis Abeba, während der italienischen Besatzung Äthiopiens aufgenommen hat. Ausgehend von diesem Bild entfaltet die Installation – bestehend aus Video und einer eigens komponierten Chorarbeit von Gabi Motuba – ein Geflecht aus persönlicher Erinnerung, kolonialer Geschichte und ökologischen Beziehungen, in dem private und kollektive Narrative ineinandergreifen.

Die chorische Interpretation von Baldis Gedicht Sicomoro Centenario lässt den Baum sprechen: als stille Zeugin, älter als Kriege und imperiale Ambitionen, deren Wurzeln und Äste Zeit und Raum miteinander verweben. Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukünfte erscheinen nicht linear, sondern als miteinander verschränkte Rhythmen von Sonne, Mond und Jahreszeiten. Die Stimmen des Chors greifen diese zyklische Bewegung auf: Sie antworten einander, wiederholen, verschieben und verdichten Motive. Geschichte wird so nicht als geschlossene Erzählung hörbar, sondern als vielstimmige Konstellation, in der sich Fragmente, Erinnerungen und Perspektiven immer wieder neu zueinander verhalten.

Zugleich rücken ökologische Beziehungen in den Blick. Insekten, Pflanzen und die umgebende Landschaft treten als Partner\*innen eines fortlaufenden Austauschs in Erscheinung. Jede Feige wird Teil eines fein abgestimmten Gefüges von Fortpflanzung, Weitergabe und Überleben. Die Sykomore wird zu einem Knotenpunkt, an dem menschliche und nicht-menschliche Akteur\*innen, materielle Spuren und Erinnerung miteinander verknüpft werden.

Der Titel der Arbeit verweist auf das äthiopische Kalendersystem mit dreizehn Monaten und öffnet damit den Blick auf unterschiedliche Zeitordnungen. Zeit erscheint hier nicht länger als neutrale Messgröße, sondern als kulturell und politisch geformtes Raster, das Wahrnehmung, Erinnerung und Handlung strukturiert. Kalender ordnen Rhythmen des Lebens, legen Zyklen fest und schaffen Bezugssysteme, innerhalb derer Geschichte erzählt und verwaltet wird. Indem die Installation verschiedene Rhythmen von Bild, Stimme und Raum miteinander verschränkt, entsteht ein offenes Arrangement von Perspektiven, in dem Brüche ebenso präsent sind wie Kontinuitäten und Relationen.

Baldi verbindet in dieser Arbeit familiäre Spuren mit globaler Geschichte, Intimität mit struktureller Gewalt. Der Baum wird zum Resonanzraum von relationaler Erfahrung: Als Archiv, Symbol und handelnde Instanz macht er die Verbindung von Ordnungen über Zeit, Raum und Spezies hinweg erfahrbar. Vergangenheit klingt fort, Gegenwart wird sinnlich erfahrbar, Zukunft wird als potenzielles Netzwerk von Kinship, Verantwortung und Verbundenheit imaginiert. In Hear her calendar system a year of thirteen months ist Erinnerung nicht abgeschlossen, sondern als vielstimmiger, fortlaufender Prozess erfahrbar, in dem Formen von Zugehörigkeit, Verantwortung und Widerstand immer wieder neu gedacht werden können.


The work was produced by WIELS and supported by the Italian Council programme, promoted by the Directorate-General for Contemporary Creativity of the Italian Ministry of Culture.



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