Jarramplas

↳ Yalda Afsah

2024, 00:15:00

Videoinstallation


Eine unheimliche Stille liegt über der Kleinstadt Piornal im Südwesten Spaniens: verhüllte Gebäude, Polizeipatrouillen in den leeren Straßen und riesige Haufen von Rüben auf den Gehwegen – die Ruhe vor dem Sturm. Vor dem Hintergrund dieses beinahe surrealen Szenarios entfaltet sich Jarramplas. Nach und nach versammeln sich Menschen – Jugendliche vor allem – auf den Straßen. Traktoren liefern tonnenweise weitere Rüben. Eine wachsende Menschenmenge scheint sich auf eine Auseinandersetzung vorzubereiten, deren Ziel zunächst unklar bleibt.

Seit mehr als einem Jahrhundert feiert Piornal im Januar das Jarramplas-Fest. Im Zentrum steht die Figur des Jarramplas, dessen Name sich vom spanischen jarramplar – stehlen – ableitet. Der Legende nach kam einst ein Mann in die Stadt, um Vieh zu stehlen. Von den Bewohner*innen mit Rüben beworfen, ergriff er die Flucht. Jedes Jahr wird dieses Ereignis nachgestellt: Ein Einwohner schlüpft in das Kostüm des Jarramplas, während Hunderte andere ihn mit Rüben bewerfen.

Afsahs Film beobachtet dieses Ritual, zeigt jedoch nie dessen Protagonisten. Der Jarramplas bleibt außerhalb des Bildes. Stattdessen richtet sich die Kamera auf die Menge: auf Bewegungen, Gesten und einzelne Gesichter, die aus der Masse hervortreten. In leicht verlangsamten Aufnahmen erscheinen die Bewegungen der Körper beinahe wie choreografiert: Einzelne Figuren treten hervor und verschmelzen wieder mit der Menge. Rhythmus, Wiederholungen und Gesten offenbaren eine subtile Ordnung innerhalb der Versammlung.

Die beobachtende Nähe ergibt sich aus der formalen Inszenierung: Ton und Bild lösen sich voneinander, Geräusche wirken verschoben oder übersteigert. Auf diese Weise werden einzelne Momente akzentuiert, während das Gesamtgeschehen fragmentarisch bleibt. So verschiebt sich der Fokus vom eigentlichen Ritual auf die Dynamik der Versammlung selbst. Ohne das Ziel der Angriffe sichtbar zu machen, erscheint die kollektive Handlung zunehmend ungerichtet und offen. Die Spannungen zwischen Individuum und Masse werden sichtbar: Konzentrierte Aggression, Ausgelassenheit und Unsicherheit überlagern sich, während sich die Menge temporär formiert und wieder auflöst. In dieser Choreografie von Körpern, Blicken und Abwesenheit spiegeln sich Strukturen, die auch größere soziale Ordnungen prägen: Formen der Beteiligung, des Zusammenhalts und der Ausgrenzung erscheinen als performative Gefüge – stabil und zugleich jederzeit brüchig.

Schließlich gerät die Dynamik ins Stocken. Während der Gegner weiterhin unsichtbar bleibt, öffnet sich eine Leerstelle im Geschehen. Ohne ein vollständiges Bild zu liefern, legt Jarramplas die Mechanismen frei, durch die sich eine Masse formiert und auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet. Im Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv, Teilnahme und Beobachtung wird spürbar, wie Zugehörigkeit, Handlungsmacht und Ausschluss immer wieder neu ausgehandelt werden.

  • Sektion Section: An Incomplete Assembly
  • Programm Programme: An Incomplete Assembly
  • Start
  • Thema
  • Sektionen
  • Timetable
  • Index
  • Code of Ethics
  • Service
  • Über uns
  • Archiv
  • News & Presse
  • Projekte
  • Förderungen
  • Kontakt
  • Suche

Startseite
Impressum / Datenschutz

  • Deutsch
  • English

Kontakt