Sehen wer wir sein (s|w)ollten
↳ Robin Kötzle

DE 2025, 08:03:00
Zwei-Kanal-Videoinstallation
Robin Kötzles Zwei-Kanal-Videoinstallation Sehen, wer wir sein (s|w)ollten untersucht die mediale Konstitution von Öffentlichkeit anhand gesamtdeutscher Protestereignisse zwischen 1952 und 1991. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage nach Formen politischer Versammlung und Teilhabe jenseits parlamentarischer Prozesse – und danach, wie sich solche kollektiven Artikulationen in öffentlichen Bildern formieren. Im Zentrum steht die Rolle der Massenmedien: Wie werden Versammlungen im Akt ihrer Berichterstattung zu gesellschaftlich relevanten Ereignissen und welche institutionellen Mechanismen strukturieren Wahrnehmung, Bewertung und Erinnerung?
Die Installation konfrontiert die Perspektiven der ostdeutschen Nachrichtensendung Aktuelle Kamera und der westdeutschen Tagesschau. Beide Kanäle laufen synchronisiert und zeigen jeweils die Berichterstattung desselben Tages. Wird ein Protest im anderen System nicht erwähnt, bleibt der Bildschirm schwarz. Diese formale Setzung macht Abwesenheit sichtbar und erfahrbar: Nicht nur das Gezeigte, auch das Ausgesparte prägt das kollektive Bild von Realität. Sichtbarkeit erscheint hier als Resultat redaktioneller Auswahl, sprachlicher Codierung und politischer Rahmung.
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Recherche zu Protestereignissen in Deutschland, die sich unter anderem auf den Datensatz des sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekts PRODAT stützt, der Proteste zwischen 1950 und 2002 dokumentiert. Ausgehend von rund zweihundert ausgewählten Ereignissen wurden die entsprechenden Nachrichtensendungen im Fernseharchiv untersucht. Durch die Synchronisierung der Materialien entsteht eine doppelte mediale Anordnung: Zwei politisch getrennte Systeme beobachten und kommentieren teilweise dieselben Ereignisse – jedoch aus unterschiedlichen ideologischen und journalistischen Perspektiven.
In der Gegenüberstellung treten Unterschiede in Bilddramaturgie, Montage, Kommentarführung und Begriffswahl hervor. Proteste erscheinen je nach Kontext als legitime demokratische Praxis, als Störung öffentlicher Ordnung oder als ideologisch motivierte Abweichung. Zugleich werden historische Verschiebungen sichtbar: Während Protest in den frühen Jahren häufig als randständig oder staatsgefährdend gerahmt wird, etabliert er sich in der Bundesrepublik zunehmend als legitime Form politischer Artikulation, während er in der DDR stärker unter dem Vorzeichen staatlicher Kontrolle steht.
Indem die Installation Präsenz und Leerstelle synchronisiert, wird mediale Berichterstattung selbst als eine Form institutioneller Versammlung erfahrbar – als eine Ordnung von Bildern, Stimmen und Ereignissen, die festlegt, welche kollektiven Auftritte sichtbar werden, welche Deutungen sich stabilisieren und welche Formen politischer Artikulation aus dem gemeinsamen Bild herausfallen.
The television footage used comes from the holdings of Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) and Norddeutscher Rundfunk (NDR).
- Sektion Section: An Incomplete Assembly
- Programm Programme: An Incomplete Assembly